Thailand und Deutschland verbindet man heute mit Urlaub, Auswanderern oder den vielen deutschen Männern, die sich in thailändische Frauen verlieben.
Aber mit thailändischen Soldaten, die durch eine deutsche Stadt marschieren? Wohl kaum.
Und trotzdem ist genau das passiert.
Im Winter 1918 kamen Soldaten aus dem damaligen Siam – dem heutigen Thailand – nach Neustadt an der Weinstraße in der Pfalz. Sie kamen nicht als Touristen, Studenten oder Händler.
Sie kamen als Angehörige einer Siegermacht des Ersten Weltkriegs.
Für einige Monate gehörten siamesische Soldaten zur alliierten Besatzung Deutschlands.
Eine dieser Geschichten, bei denen man zunächst denkt: Das kann doch nicht stimmen.

Warum kämpfte Siam überhaupt in einem europäischen Krieg?
Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, war Siam zunächst neutral.
Das änderte sich am 22. Juli 1917. König Vajiravudh, besser bekannt als Rama VI., erklärte Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg.
Dahinter steckte weit mehr als Sympathie für Frankreich oder Großbritannien.
Siam befand sich damals in einer schwierigen Lage. Das Land war zwar – anders als viele seiner Nachbarn – nicht kolonisiert worden, stand aber seit Jahrzehnten unter erheblichem Druck der europäischen Kolonialmächte. Frankreich kontrollierte Indochina, Großbritannien große Teile Süd- und Südostasiens.
Siam hatte Gebiete abtreten müssen und war durch sogenannte extraterritoriale Rechte europäischer Staaten in seiner Souveränität eingeschränkt.
Rama VI. erkannte im Krieg deshalb auch eine politische Chance. Wenn Siam auf der Seite der späteren Sieger stand, konnte das kleine asiatische Königreich anschließend auf Augenhöhe mit den europäischen Mächten am Verhandlungstisch sitzen.
Eine bemerkenswert moderne außenpolitische Rechnung. Und sie sollte tatsächlich aufgehen.
Mehr als 1.200 Freiwillige aus Siam reisen nach Europa
Siam stellte ein Expeditionskorps aus Freiwilligen zusammen. Insgesamt wurden rund 1.284 Männer ausgewählt.
Dazu gehörten unter anderem Angehörige eines Motortransportkorps, medizinisches Personal sowie Flieger und Bodenpersonal.
Im Sommer 1918 erreichten die Männer Frankreich.
Man muss sich diese Reise einmal vorstellen.
Junge Männer aus dem tropischen Siam reisen vor mehr als hundert Jahren Tausende Kilometer nach Europa – in eine vollkommen fremde Welt, mit einer anderen Sprache, anderem Essen, anderen gesellschaftlichen Regeln und vor allem einem völlig anderen Klima.
Für viele dürfte schon der europäische Winter eine Erfahrung gewesen sein, auf die sie kaum vorbereitet waren.
Ein Teil der Männer wurde in Frankreich für den Einsatz ausgebildet. Die Flieger befanden sich noch in der Ausbildung, als am 11. November 1918 der Waffenstillstand unterzeichnet wurde.
Der Krieg war vorbei.
Für einen Teil der siamesischen Soldaten begann damit jedoch ein Kapitel, das heute selbst in Deutschland kaum jemand kennt.
Plötzlich standen Soldaten aus Siam in der Pfalz
Nach der deutschen Niederlage besetzten die Alliierten Gebiete westlich des Rheins. Und zu den alliierten Streitkräften gehörte nun auch Siam.
Am 7. Dezember 1918 zogen siamesische Soldaten in Neustadt ein.
Das damalige Neustadt hieß noch Neustadt an der Haardt; erst später setzte sich der heutige Name Neustadt an der Weinstraße durch.
Für die Bevölkerung muss der Anblick außergewöhnlich gewesen sein.
Deutschland hatte gerade einen verheerenden Krieg verloren. Revolution und politische Unsicherheit bestimmten das Land. Lebensmittel waren knapp, die Spanische Grippe grassierte.
Und nun liefen Männer aus einem südostasiatischen Königreich durch die Straßen einer pfälzischen Stadt.
Menschen, von denen viele Einwohner vermutlich zuvor noch nie einen persönlich gesehen hatten.
Das Hauptquartier der siamesischen Truppen befand sich nach historischen Darstellungen im damaligen Hotel zum Löwen an der Landauer Straße in Bahnhofsnähe.
Das Gebäude existiert noch heute: Der ehemalige Hotelbau in der Landauer Straße 4 stammt aus dem Jahr 1894 und steht unter Denkmalschutz.
Die Soldaten waren außerdem in Orten der Umgebung stationiert, darunter Mußbach, Geinsheim und Hochspeyer.
Damit war Siam plötzlich nicht mehr irgendein weit entferntes Königreich auf einer Landkarte.
Thailand war – lange bevor das Land überhaupt Thailand hieß – mitten in der Pfalz angekommen.
Rund 20.000 Deutsche unter siamesischer Besatzung
Historische Darstellungen sprechen von einem Gebiet mit ungefähr 20.000 Einwohnern, für das die siamesischen Truppen im Rahmen der alliierten Besatzung Verantwortung trugen.
Ihre Aufgaben waren wenig spektakulär, aber wichtig: Sie sollten für öffentliche Ordnung sorgen und die Vorgaben der Besatzungsmacht durchsetzen.
Bemerkenswert ist, dass von größeren Konflikten zwischen der deutschen Bevölkerung und den siamesischen Soldaten offenbar nichts bekannt ist.
Im Gegenteil.
Nach anfänglicher Anspannung scheint sich das Verhältnis zur Bevölkerung normalisiert zu haben.
Das passt durchaus zu den Berichten über das Auftreten der siamesischen Einheit: Die Soldaten bestanden auf dem nötigen Respekt gegenüber der Besatzungsmacht, sollen sich gegenüber den Einwohnern aber insgesamt zurückhaltend verhalten haben.
Die Kommunikation dürfte allerdings ziemlich interessant gewesen sein. Deutsch konnten die wenigsten Siamesen.
Thai konnte in Neustadt vermutlich praktisch niemand. Teilweise mussten deshalb französische Soldaten oder Offiziere vermitteln.
Und trotzdem entstanden offensichtlich Kontakte.

Als siamesische Soldaten deutsche Frauen kennenlernten
Genau an diesem Punkt wird die Geschichte besonders menschlich.
Historische Darstellungen erwähnen, dass trotz der Sprachbarriere siamesische Soldaten Kontakte zu deutschen Frauen hatten.
Mehr wissen wir bislang erstaunlich wenig.
Und genau hier beginnt für mich der spannendste Teil dieser Geschichte.
Wer waren diese Frauen? Waren es nur kurze Bekanntschaften? Gab es Liebesbeziehungen?Vielleicht sogar Kinder? Oder Ehen?
Die Vorstellung ist keineswegs absurd.
Die Männer waren mehrere Monate in der Region stationiert. Sie gingen durch dieselben Straßen wie die Einwohner, begegneten Menschen bei ihrer täglichen Arbeit und lebten nicht vollkommen isoliert von der Bevölkerung.
Aber genau hier muss man sauber zwischen Geschichte und schöner Geschichte unterscheiden.
Dass Kontakte zwischen siamesischen Soldaten und deutschen Frauen erwähnt werden, ist belegt. Konkrete Namen von Paaren, nachgewiesene Eheschließungen oder Kinder aus solchen Beziehungen konnte ich bislang jedoch nicht zuverlässig dokumentieren.
Alles andere wäre Spekulation.
In den Heirats-, Geburts- und Melderegistern der Jahre 1918 bis 1920 könnten sich möglicherweise Spuren finden. Auch private Fotoalben, Familiengeschichten oder Nachlässe in Neustadt und den umliegenden Dörfern könnten Überraschungen bergen.
Vielleicht lebt heute irgendwo in Deutschland eine Familie, deren Urgroßmutter 1919 einen jungen Mann aus Siam kennengelernt hat – ohne zu wissen, dass mehr als hundert Jahre später jemand diese Geschichte wieder ausgraben würde.
Ob es solche Nachfahren tatsächlich gibt, ist bislang eine offene Frage.
Fotos beweisen: Die Siamesen waren Teil des Neustadter Lebens
Besonders faszinierend sind historische Fotografien aus dieser Zeit.
Das französische Militärarchiv besitzt Aufnahmen einer militärischen Zeremonie der siamesischen Armee in Neustadt vom 17. März 1919.
Auf diesen Bildern wird aus einer abstrakten historischen Episode plötzlich Realität.
Da stehen sie tatsächlich. Siamesische Soldaten in einer deutschen Stadt. Keine Illustration. Keine nachträglich erfundene Geschichte.
Nicht alle kehrten nach Hause zurück
Die Geschichte hatte allerdings auch eine traurige Seite.
Insgesamt starben 19 Angehörige der siamesischen Expeditionstruppe während der Mission. Etwa die Hälfte der Todesfälle wird mit der damaligen Influenza-Pandemie in Verbindung gebracht; weitere Männer starben infolge von Unfällen.
Mehrere Todesfälle ereigneten sich direkt in der Pfalz.
In den überlieferten Angaben zum späteren Kriegerdenkmal in Bangkok werden unter anderem vier Tote in Neustadt, einer in Mußbach, einer in Geinsheim, einer in Godramstein und einer in Landau genannt.
Das bedeutet: Für einige dieser jungen Männer wurde die Pfalz zum letzten Ort ihres Lebens.
Sie waren Tausende Kilometer von ihren Familien entfernt gestorben. Ihre Asche wurde später nach Siam gebracht.
Ihre Namen stehen heute mitten in Bangkok
Wer in Bangkok am Sanam Luang unterwegs ist, kann dieser Geschichte noch heute begegnen.
In der Nähe des Grand Palace steht das World War I Volunteer Soldiers Memorial, das den Männern der siamesischen Expeditionstruppe gewidmet ist.
Am 24. September 1919 wurden dort die Aschen der 19 verstorbenen Soldaten beigesetzt.
Damit besteht eine direkte historische Verbindung zwischen einem Platz mitten in Bangkok und Neustadt an der Weinstraße.
Wer vor diesem Denkmal steht, blickt also auch auf ein kleines Stück deutscher Geschichte.
Der Sanam Luang liegt mitten im historischen Herzen Bangkoks, direkt neben dem Grand Palace und Wat Phra Kaeo. Es ist die große, ovale Grünfläche, die man kaum übersehen kann, wenn man in der Altstadt rund um den Königspalast unterwegs ist.
Im Stadtteil Phra Nakhon, unmittelbar nördlich des Grand Palace. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich unter anderem das Nationalmuseum und die Thammasat University.
Warum Siam diese Mission so wichtig war
Militärisch war der Beitrag Siams zum Ersten Weltkrieg vergleichsweise klein.
Politisch war er enorm wichtig.
Die Soldaten symbolisierten etwas, das Rama VI. unbedingt erreichen wollte:
Siam sollte international nicht mehr als exotisches Land am Rand der kolonialen Welt betrachtet werden, sondern als souveräner Staat unter souveränen Staaten.
Die Rechnung ging zumindest teilweise auf.
Siam gehörte zu den Staaten, die an der Nachkriegsordnung beteiligt waren, nahm an der Pariser Friedenskonferenz teil und wurde Gründungsmitglied des Völkerbundes.
In den folgenden Jahren gelang es dem Königreich außerdem schrittweise, die ungleichen Sonderrechte westlicher Staaten zurückzudrängen.
Für Rama VI. war deshalb die Nachricht, dass seine Soldaten deutsches Territorium betreten hatten, von großer symbolischer Bedeutung.
Ein Land, das jahrzehntelang unter dem Druck europäischer Großmächte gestanden hatte, marschierte nun selbst als Angehöriger der Siegermächte in Europa ein.
Historische Ironie kann manchmal ziemlich perfekt sein.
Von Neustadt nach Paris
Im Juli 1919 endete die siamesische Präsenz in der Pfalz. Französische Truppen übernahmen die Aufgaben.
Doch für die Männer aus Siam war die europäische Geschichte noch nicht ganz vorbei.
Siamesische Soldaten nahmen an den großen Siegesparaden der Alliierten teil – darunter an der berühmten Parade in Paris. Unter den Augen europäischer Staatsoberhäupter marschierten Männer aus Siam durch eine der wichtigsten Hauptstädte Europas.
Genau darum war es Rama VI. gegangen. Nicht als Kolonie. Nicht als Anhängsel einer europäischen Macht. Sondern unter seiner eigenen Flagge.
Im September 1919 kehrte das Motortransportkorps schließlich nach Bangkok zurück. Dort wurden die Männer mit großen Feierlichkeiten empfangen.
Eine fast vergessene Verbindung zwischen Thailand und Deutschland
Heute erinnert in Neustadt nur wenig daran, dass vor mehr als hundert Jahren Männer aus Siam durch diese Straßen gingen.
Dabei ist die Geschichte außergewöhnlich. Nicht nur politisch. Sondern vor allem menschlich.
Da waren junge Männer aus Bangkok und anderen Teilen Siams, die plötzlich einen pfälzischen Winter erlebten.
Da waren Neustadter, die vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben Menschen aus Südostasien begegneten. Da waren Verständigungsprobleme. Neugier. Misstrauen. Und offenbar auch Begegnungen zwischen siamesischen Männern und deutschen Frauen.
Genau solche Geschichten liebe ich an Thailand.
Denn Thailand besteht für mich nicht nur aus Tempeln, Stränden, Pad Thai und Palmen.
Manchmal findet man Thailand dort, wo man es überhaupt nicht erwartet.

Mein Fazit
Als ich noch in Heidelberg lebte, hatte ich viele Freunde und Bekannte aus der Pfalz – aus Speyer, Neustadt, Germersheim, Bad Dürkheim und Ruppertsberg. Wir haben über alles Mögliche gesprochen, über die Region, ihre Geschichte und natürlich auch über Frankreich und den französischen Einfluss in der Pfalz.
Aber Thailand? Kein einziges Mal. Eigentlich schade.
Niemand hat mir je erzählt, dass vor über 100 Jahren Soldaten aus Siam in Neustadt und der Umgebung stationiert waren. Von der französischen Besatzung wusste ich. Dass aber auch Männer aus dem heutigen Thailand durch die Straßen von Neustadt liefen, dort lebten und der Bevölkerung begegneten, war mir völlig neu.
Und vielleicht fasziniert mich diese Geschichte gerade deshalb so sehr. Ich habe viele Jahre ganz in der Nähe gelebt – und heute lebe ich ausgerechnet in Thailand. Und erst jetzt, Tausende Kilometer entfernt, entdecke ich diese kleine Verbindung zwischen meiner früheren Heimat und meiner heutigen.
Weitere Quellen und historische Nachweise finden Sie hier: